Alben, die unser Leben verändert haben (Part III)
Jeder, der Musik fühlt, kennt es; da ist dieser eine Song, der dich eiskalt erwischt, völlig überraschend eine Gänsehaut beschert und etwas in dir erweckt, von dem du nicht einmal wusstest, dass es das gibt. Du wirst süchtig nach dem Song, hörst das komplette Album und schließt es direkt in dein Herz.
Genau um diese Alben soll es in unserem Special gehen, denn auch wenn wir gemeinsam mit den Alben altern, so bleiben die Erinnerungen daran ewig jung. René , Olivia und Radu erzählen euch Geschichten, welche Alben ihre Welt komplett auf den Kopf gestellt haben. Vorhang auf für unsere persönliche Reise durch das Leben und die Musik.
Zum Abschlus der Reihe, heißt euch Radu willkommen in seinem Kopf und seiner Gefühlswelt.
Nightingale – „The Breathing Shadow“
Manche Alben haben einen direkten Einfluss auf eine Situation, die man nie vergisst. Andere kehren an einem Punkt des Lebens zurück, um genau im richtigen Moment die notwendige Kraft zu geben. Dies ist die Geschichte von Nightingale und dem Erstling „Breathing Shadow“
Wir schreiben das Jahr 1995. Mein 18jähriges Ich spaziert durch die Innenstadt von Dortmund an einem kalten Wintertag. Es ist bereits dunkel und ich habe nicht mehr viel Zeit, um meinen Zug zu bekommen. Deshalb „nur mal eben kurz“ in meinen Stammplattenladen Idiots Records reingehüpft, um noch mal kurz ein wenig zu Plaudern und in den CD-Regalen stöbern. Nach wenigem Wühlen erregt ein Cover meine Aufmerksamkeit; drei rote Totenköpfe und ein verschnörkelter Schriftzug? Sieht stark nach Gothic Metal aus und könnte definitiv etwas für mich sein. Aus Neugierde aus dem Regal gezogen und zur Theke gebracht, um mal reinzuhören. Tückisch schleicht sich die Gitarre an das Ohr heran, ehe das Riff sich direkt ins Gehirn schießt und in meinem Kopf eine epische Landschaft explodieren lässt. Die Gänsehaut kommt sofort und bereits nach wenigen Sekunden spüre ich, dass ich hier eine ganz besondere Scheibe in den Händen halte. Aus Gewohnheit lese ich mir im Booklet die Infos durch, in der Hoffnung, dass mein Lieblingsmusiker Dan Swanö vielleicht bei der Produktion mitgewirkt hat (zur damaligen Zeit habe ich jede noch so kleine Produktion und jedes Bandprojekt von Dan Swanö fanatisch gesammelt und geliebt). Beinahe fällt mir das Booklet aus der Hand, als ich erkenne, dass dieses Album von ihm im Alleingang geschrieben, aufgenommen und produziert wurde. Als dann die ersten Gesangslinien von „Nightfall Overture“ über mich hereinbrechen, ist es endgültig um mich geschehen. Ich kannte seine Musk bereits von Edge of Sanity und einigen Side Projekten, aber ein ganzes Album mit seiner cleanen Stimme zu hören war für mich der absolute Hauptgewinn! Ein kurzer Blick auf die Uhr und die Gewissheit, dass ich mich beeilen muss, um den Zug zu bekommen. Ich glaube, ich habe insgesamt nur zwei Minuten in das Album reingehört, ehe ich Hannes meine letzten 15 Mark auf den Tresen warf und wie ein Marathonläufer zum Bahnhof eilte. Den Zug bekam ich gerade noch rechtzeitig und so starrte ich apathisch auf das Cover und stellte mir vor, welche Großtat Dan Swanö wohl auf diesen CD-Rohling gepresst hatte (damals konnte man noch nicht streamen und brauchte einen CD-Player, um die Musik hören zu können). Zuhause angekommen wurde die „Breathing Shadow“ eingelegt und seitdem ist sie fester Bestandteil meines Lebens. „Nightfall Overture“ kann mich bis heute noch aus dem tiefsten mentalen Loch innerhalb weniger Sekunden rausboxen, während „The Dreamreader“ mir instant gute Laune verschafft. „A Lesson in Evil“ ist quasi der Soundtrack zu meinem Lebensstil; dunkel, melodisch und doch mit einem leichten Augenzwinkern von Humor beschert mir diese Gothic Nummer bis heute ein Dauergrinsen im Gesicht (besonders die Gesangslinie!). Besonders hat mich die Atmosphäre und das Ende der Geschichte mit „An Eye for an Eye“ gepackt, an dessen Ende ich mich damals so sehr erschrocken hatte, dass ich mich fast eingeschissen hätte. Das Album hat mich durch verschiedene Kapitel meines Lebens begleitet; erste Freundin, Stress in der Schule, meine Ausbildung, meine Arbeit und auch beim Gründen einer Familie und im täglichen Familienwahnsinn.
So weit so schön und die Geschichte könnte auserzählt sein. Wäre da nicht jener Moment, in dem das Album mir in allerhöchster Not beigestanden hätte. Wir machen einen Zeitsprung ins Jahr 2025. Mittlerweile bin ich 48 Jahre alt und mit meiner Familie im wohlverdienten Urlaub. Die vergangenen acht Monate waren für uns alle sehr belastend und hatten uns stellenweise über unsere mentale Grenze hinaus gefordert. Umso erfreulicher, dass endlich Ruhe einkehrt und wir unseren Urlaub im Schwarzwald genießen können. Plötzlich klingelt mein Handy und ich sehe mein Patenkind, das mir unter Tränen mitteilt, dass sein Vater gestorben ist. Wir waren 42 Jahre eng befreundet und haben alle Kapitel unseres Lebens gemeinsam erlebt: wir hatten die Schulbank gedrückt, Familien gegründet, gemeinsam Urlaub gemacht und viele Abenteuer erlebt. Der Verlust kam plötzlich und erwischte mich eiskalt. Am Tag der Beerdigung war es mir wichtig einige Worte über ihn zu sagen. Doch was sagt man in einer Situation, in der man selbst komplett am Boden ist? Kurz vor der Beerdigung kam der Postbote, um mir meine Bestellung von Swanömerch zu bringen. Mit dabei: die „Breathing Shadow“ als Remasterte Version. Ich versuchte mich durch die Musik aufs Schreiben der Grabrede zu konzentrieren, aber es gelang mir nicht. Obwohl der Sound des Albums gut war, so verband ich doch zu viele andere Erinnerungen damit. Auf der 2. CD waren alternative Mixe vorhanden und bei der Piano Version von „The Dreamreader“ wurde in mir ein Schalter umgelegt: eine altbekannte Gänsehaut im neuen Gewand überkam mich und der Text floss nur so aus mir heraus. Am Tag der Beerdigung selbst war ich ein völlig zerstörtes Nervenwrack, konnte aber die Worte, die mir wichtig waren, sprechen und mich von meinem Freund verabschieden.
Ich könnte an dieser Stelle meine Freude über die erstmalige Veröffentlichung der „Breathing Shadow“ auf rotem Vinyl beschreiben. Auch könnte ich die neuen Remixe von Gänsehautsongs wie „Nightfall Overture“, „Sleep…“ und „Recovery Opus“ in den Himmel loben. Schließlich beleuchten sie das Album aus einem anderen Blickwinkel und verleihen ihm dadurch noch mehr Intensität und einen tieferen Einblick, in die unterschiedlichen Facetten, die Dan Swanö (scheinbar mühelos) beherrscht. Auch die live Tracks sind eine schöne Ergänzung, während die Demos mich mit ihren Medleys und der alternativen Version von „A Lesson in Evil“ sehr glücklich gemacht haben. Objektiv betrachtet bietet das Album ein episches Update zu einem meiner Lieblingsalben, die Dan Swanö 1995 im Alleingang(!) abgeliefert hat. Subjektiv betrachtet hat mich das Album seit seiner Veröffentlichung mein Leben lang begleitet und allein die ersten Sekunden von „Nightfall Overture“ bescheren mir jederzeit eine Gänsehaut. Die Wiederveröffentlichung und die remasterte Version haben mich in einer meiner dunkelsten Stunden meines Lebens gerettet, wofür ich Dan Swanö auf ewig dankbar sein werde. Ich denke, dass genau solche Gefühle, die man mit der Musik verbindet, das ist, was ein Album zu etwas Besonderem macht.
Blind Guardian- “Imaginations from the other Side”
Über meine Liebe zu Blind Guardian zu Schreiben ist ungefähr so, als würde man jemandem sagen, er dürfte in seiner Lieblingskneipe nur ein Bier trinken und nur ein Lied hören. Ich könnte hier viele Geschichten erzählen und noch mehr Seiten füllen, warum die Alben von Blind Guardian Stammgast bei mir sind. Aber hier beschränke ich mich auf eine Anekdote, die mich gleichzeitig quält und glücklich macht.
Vor dem Release des Albums, wurde die Maxi zu „A Past and Future Secret“ veröffentlicht. Für alle, die nicht wissen, was eine Maxi ist (Achtung, der Opa erzählt): es war eine CD, wo der Song in 2 Versionen vorhanden war, zusätzlich der Titelsong des neuen Albums („Imaginations from the other Side“) und die Coverversion von Uriah Heep´s „The Wizard“, die später auch auf dem „Forgotten Tales“ Album gelandet ist. Ich fieberte dem Release des Albums entgegen, und als ich es endlich in den Händen hielt, war ich hin und weg; allein der Titeltrack hat die epische Tragweite eines orchestralen Songwritings mit den knackigen Riffs einer Band gepaart, die in ihren Anfangstagen dem Speed Metal mit vollem Herzblut gehuldigt haben. Diese Blaupause sollte sich auch musikalisch durch das gesamte Album ziehen; so knüppelt man sich in bester Old School Manier durch „I´m alive“, während Hansis Gesang sich gerade in den langsamen Passagen in den Gehörgängen sanft entfaltet. Das balladeske „A Past and Future Secret“ wird nicht umsonst von den Fans bei Konzerten gerne mitgesungen, denn es ist wie ein Leuchtfeuer, das inmitten einer dunklen Welt zur Rast einlädt, wo man Kraft für einen Neubeginn tanken kann. Man möge mir denjenigen zeigen, der den Refrain von „The Script for my Requiem“ hören kann, ohne ihn automatisch mitzusingen. Denn genau das war zu dieser Zeit die große Stärke von Blind Guardian: Songs zu erschaffen, die hart und gleichzeitig episch sind, unter die Hau t gehen und deren Refrain einfach nur süchtig macht. Die Gesangsqualitäten von Hansi haben auf diesem Album merklich zugelegt, was man bei „Mordred´s Song“ sehr gut raushören kann, während man bei „Born in a Mourning Hall“ das Gaspedal durchdrückt, ohne den Blick für herausstechende Hooks zu verlieren. „Bright Eyes“ steigert sich einfach herrlich vom schüchternen Anfang zum grandiosen Song, während „Another Holy War“ in mir unzählige D&D Abende vor meinem inneren Auge vorbeiziehen lässt (natürlich mit epischen Schlachten). Wie könnte man ein Album besser beenden als mit „And the story ends“? Der Rausschmeißer ist charmant und gleichzeitig endgültig und hätten Blind Guardian an diesem Punkt ihrer Karriere aufgehört, so wäre das Album definitiv das Opus Magnum ihrer Karriere geblieben. Das Coverartwork zählt meiner Meinung nach zu den besten, was die Zunft zu bieten hat und so ist es für mich ein rundum perfektes Album geworden.
Ja und was ist jetzt mit meiner Anekdote? Als ich das Album erstmals gehört habe, war ich hin und weg. Dann kam die freudige Nachricht: Blind Guardian gehen auf Tour! Ich hatte sie noch nie live gesehen , weil ich eher menschenscheu bin, aber diese Gelegenheit durfte ich mir nicht entgehen lassen! Also Karte gekauft und die Tage bis zum Konzert gezählt. 2 Wochen vor dem Konzert wurden bei uns in der Schule die Termine für die Abiturklausuren bekannt gegeben. Ich hatte sehr damit zu kämpfen, weil ich in Naturwissenschaften, Mathe und Chemie ein intellektueller Totalausfall war. Und wie es der Zufall (oder das Schicksal?) wollte, so fand meine Prüfung einen Tag nach dem Konzert um 8 Uhr morgens statt! Mir war klar, dass ich mich zwischen Prüfung bzw. Schulabschluss und Konzert entscheiden musste und so wählte ich verantwortungsbewusst, die Schule, während ich mich gleichzeitig sehr dafür hasste. Ich verkaufte meine Karte an meinen besten Kumpel und weinte noch viele Jahre später über diese verpasste Chance. Allerdings hatte das Schicksal Pläne mit uns; mein Kumpel, dem ich die Karte verkaufte, lernte dadurch meinen anderen Kumpel (mit dem ich dort hingefahren wäre) kennen und sie verstanden sich prächtig. Daraus ist eine Freundschaft, eine (sehr kurzweilige) Band und später eine Clique entstanden, die uns durch unsere jungen Erwachsenenjahre lange Zeit begleiten sollte. Auch heute erzählt mir mein Kumpel mit strahlenden Augen und einem breiten Grinsen von dem Konzert, das ich verpasst hatte. Mein Magic Moment sollte jedoch noch bis zum Jahr 2002 auf sich warten lassen, denn da sah ich Blind Guardian zum ersten Mal in der Phillipshalle in Düsseldorf. Sie hatten gerade die „A Night in the Opera“ rausgebracht und die anwesende Meute war bis zum Anschlag motiviert, einen schönen Abend zu haben. Der Gig verlief gut und die Stimmung war aufgeheizt, als der magische Moment kam, den ich mein Leben lang nicht vergessen sollte. „Jetzt haben wir und ihr uns eine Ruhepause verdient“ kam als Ansage von Hansi gefolgt von einigen Pfiffen. „Magic Moments kann man bekanntlich nicht wiederholen. Gebt euch alle Mühe; hier kommt „The Bard´s Song“!“ Alleine bei der Ankündigung war es, als würden alle Dämme brechen und eine unzähmbare Energie die gesamte Halle überrollen. Die ersten Klänge der Akusitkgitarre gingen fast im Klatschen der Fans unter, ehe Hansi mit „Now you all know“ ansetzte. Der Rest wurde fast im Alleingang von der gesamten Halle mit einer Leidenschaft und Innbrunst mitgesungen, dass mir die Erinnerung daran heute noch Freudentränen in die Augen treibt. Mittendrin zu stehen, Teil von etwas Großem zu sein und selbst alle Kraft in den Song zu legen war das Gefühl, das man beschreiben kann. In diesem Moment wurden alle anderen Gesetze außer Kraft gesetzt; keine Gedanken, keine Probleme, keine Unterscheide zwischen den Menschen; ausschließlich die Musik und der Moment, der alle vereint. Genau das ist der magische Moment, an dem Musik verbindet und etwas für seine persönliche Ewigkeit erschaffen wird, das noch viele Jahre lang nachhallen wird. Anscheinend war ich nicht der einzige, dem es so ging, denn nachdem der Song beendet war, entlud sich sämtliche Euphorie auf die Band, die sprachlos auf der Bühne stand und (trotz aller Professionalität) in dem Moment nicht wusste, was sie machen sollte. Hansi setzte mehrfach zur Ansage an, wurde jedoch mit frenetischen „Guardian“ Rufen überschüttet. Insgesamt dürfte das Konzert ca. 15 Minuten unterbrochen worden sein (wie es im Interview von der Bonus Disc der Special Edition von „A Twist in a Myth“ beschrieben wurde), ehe es weiterging. Diesen magischen Moment kann man übrigens auch auf dem Livealbum „Live“ von Blind Guardian hören. Da geht der Song ca. 8 Minuten (inklusive Pubkikumsausraster). Auch die anderen Gassenhauer wurden zelebriert und das Konzert war nicht nur rund, sondern der perfekte Abend, von dem ich heute noch sehr zehre.
Die „Imaginations from the Other Side” erinnert mich deshalb immer daran, dass verpasste Chancen manchmal auch Möglichkeiten sind, bei der das Leben andere Wege geht. Dadurch habe ich eine lebenslange Freundschaft mit meinem besten Kumpel am Start, tonnenweise Erinnerungen an eine schöne Zeit und ein Konzert, von dem ich noch meinen Kindern erzählen werde.
Katatonia- Dance of December Souls
Lange Zeit dachte ich, dass es das (für mich) perfekte Album nicht gibt. Allerdings ist mein 15-Jähriges Ich mit einem Album konfrontiert worden, das mir im Laufe meines Lebens das Gegenteil bewiesen hat. Damals hatte ich in der Schule große Probleme in den Fächern Mathe und Latein. Nachdem ich bereits 2 Nachhilfelehrer verheizt hatte, versuchte ein Dritter sein Glück. Er war selbst Schüler und wollte sich etwas Geld dazu verdienen. Als ich zum ersten Mal bei ihm war, staunte ich über sein großes Zimmer, das er im Keller hatte. Ein Keyboard und eine Gitarre waren ebenfalls da und eine riesige Wand mit CDs. Wir versuchten zu lernen, aber ich war viel zu abgelenkt von seinen Alben und ehe wir uns versahen, lernte ich nicht Mathe oder Latein, sondern viele neue Bands kennen. Es wurde quasi zur Tradition, dass wir uns bei ihm im Keller trafen, quatschten und er mir viele neue Bands vorstellte. Durch ihn habe ich My Dying Bride und Anathema kennen (und lieben) gelernt. Aber auch alternative Bands wie Deine Lakaien und Goethes Erben wurden zelebriert und fleißig zu Biohazard gemosht. Eines abends warf er ein Album in den CD-Schacht mit den Worten „Das könnte dir auch gefallen“. Ein lauter Schrei schallte aus den Boxen, der mich bis ins Mark erschütterte, ehe doomige Drums von einem epischen Gitarrenriff begleitet wurden, das mir innerhalb eines Herzschlags die komplette Gefühlswelt umkrempelte. Wie in Trance lauschte ich jeder Sekunde des Songs, der simpel nachvollziehbar und gleichzeitig unfassbar atmosphärisch war. Die Gitarrenlinie schlängelte sich diabolisch durch meine Gehörgänge, ehe es im Midtempo in den Refrain ging. Eine langsame Passage läutete das Ende ein, das jedoch nur ein melancholisches Intermezzo sein sollte, ehe sich „Without God“ erneut bedrohlich aufbäumte und mich endgültig in seinen Malstrom runterspülte. An diesem Tag war ich Katatonia komplett verfallen und hörte diesen einen Song gefühlte 100-mal, ohne dass er auch nur ansatzweise langweilig wurde. Irgendwann war ich neugierig und begann das komplette Album in einem Rutsch durchzuhören und damit war endgültig klar, welches Album ich mit ins Grab nehmen würde. Packende Riffs, melancholische Intermezzos, garstige Stimme und intensive Atmosphäre; dieses Album hatte alles, wovon ich jemals geträumt hatte, und war obendrein von meinem Lieblingsmusiker Dan Swanö produziert worden! Jede Sekunde der Dezemberseelen ist schlichtweg ein Genuss für mich. Der Opener „Seven Dreaming Souls“ erschallte auch diverse Male im Sprit in Dortmund und lud zum Tanz ein, ehe „Gateways of Bereavement“ sich aus den Boxen entlud und mich eher menschenscheuen Nerd hemmungslos auf der Tanzfläche ausrasten ließ. Auch heute noch spiele ich gerne meine (leicht abgeänderte) Version von „Without God“ auf der Gitarre nach, improvisiere auf der Gitarre zu „Velvet Thorns (of Drynwhil)“ oder tauche in tiefe Gedankenwelten mit „In Silence Enshrined“ hinab. Die Akustikpassage von „Tomb of Insomnia“ ist für mich bis heute eine der besten Momente, die ich jemals mit Musik erleben durfte, während der Rausschmeißer „Dancing December“ sogar ganz schüchtern den Klargesang andeutet, der erst Jahre später zu Katatonias Markenzeichen werden sollte.
Ich durfte einige Male mit Jonas und Anders von Katatonia plaudern und habe sie auch live oft gesehen. Mittlerweile haben sie musikalisch einen Weg eingeschlagen, der mir zu progressiv geworden ist, und den ich zwar schätze, aber bei weitem nicht so sehr liebe, wie die alten scheiben. Auch die Phase ab der „Discouraged Ones“ bis zur „Dead End Kings“ mochte ich sehr, weil Jonas´klare Stimme schlichtweg genial ist. Danach wurde es verschachtelter und schwieriger für mich, oder ich habe mich nicht intensiv genug fallen lassen können. Fakt ist, dass mich die „Dance of December Souls“ in seiner zeitlosen Traumlandschaft festhält, aus der ich niemals freiwillig erwachen möchte. Dies ist eine der wenigen Konstanten in meinem Leben, die mich auf Knopfdruck glücklich machen kann und das ist ein wertvolles Geschenk der Musik, das ich mehr las zu schätzen weiß.


