Specials

Alben, die unser Leben verändert haben (Part II)

 

Jeder, der Musik fühlt, kennt es; da ist dieser eine Song, der dich eiskalt erwischt, völlig überraschend eine Gänsehaut beschert und etwas in dir erweckt, von dem du nicht einmal wusstest, dass es das gibt. Du wirst süchtig nach dem Song, hörst das komplette Album und schließt es direkt in dein Herz.
Genau um diese Alben soll es in unserem Special gehen, denn auch wenn wir gemeinsam mit den Alben altern, so bleiben die Erinnerungen daran ewig jung. René , Olivia und Radu erzählen euch Geschichten, welche Alben ihre Welt komplett auf den Kopf gestellt haben. Vorhang auf für unsere persönliche Reise durch das Leben und die Musik.

Unsere Olivia gibt euch heute einen Einblick Backstage von ihren Lieblingsalben:

Gleich vorweg sei gesagt, als die Idee zu dieser kleinen Serie aufkam, war ich zwar direkt Feuer und Flamme und hab zugesagt. Fünf Minuten später saß ich innerlich weinend vor meinem CD-Regal und fragte mich, wie ich mich nur festlegen sollte. Letzten Endes ist es mir gelungen, einige Stücke herauszupicken, die eine ganz besondere Bedeutung für mich haben.

Den Auftakt macht Three Cheers for Sweet Revenge von My Chemical Romance. Als das Album im Juni 2004 erschien, war ich gerade am Ende der 5. Klasse und streckte meine Fühlerchen langsam in Richtung Heavy Music aus. My Chemical Romance waren also streng genommen nicht mein Erstkontakt mit härterer Musik, trotzdem nimmt das Album in meiner persönlichen Sammlung eine ganz besondere Rolle ein: etwa ein Jahr nach Erscheinen schickte mir eine Internetbekanntschaft den Song Helena und ich war von Anfang an so hin und weg, dass ich etwas tat, womit ich meine Mutter Jahre später immer wieder aufzog, wenn sie das Gleiche tat: ich spazierte in den örtlichen CD-Laden und besorgte mir das Album, weil ich genau einen einzigen Song kannte und mochte. Damit brachte Three Cheers For Sweet Revenge gleich mehrere wesentliche Prozesse in Gang, die meine „Karriere“ als Musikliebhaberin anfeuerten:
1. Das Album war die erste CD, die ich mir stolz von meinem eigenen Taschengeld kaufte und damit der Grundstein meiner heutigen Musiksammlung.
2. Daraus entstand außerdem ein reger Kontakt mit dem lokalen Musikdealer. Praktischerweise lag der heimische CD-Laden auf meinem Schulweg und so schlug ich des Öfteren auf dem Nachhauseweg dort auf, ließ mir vom Verkäufer neue Musik empfehlen, die dann nicht selten unterm Weihnachtsbaum landete, weil meine Mutter eine „unheilige Allianz“ mit dem Verkäufer schmiedete und sich mit Expertenwissen über meinen Musikgeschmack versorgen ließ. Und schließlich verbrachte ich sogar meine 2 Wochen Schulpraktikum nicht gelangweilt wie viele andere in irgendeinem Kindergarten, sondern in dem CD-Laden, in dem ich, Helena sei Dank, besagtes My Chemical Romance Album gekauft hatte.
Glücklicherweise hatte die Geschichte ein Happy End. Mir gefiel nicht nur Helena, sondern nach ein bisschen Warmhören auch der Rest der Platte.

Für Nummer 2 muss ich ein bisschen ausholen. Meine Kindheit und Jugend war stark geprägt von finnischem Rock und Metal. Spätestens seit der gemeinsamen Tour von HIM, The Rasmus und Negative hatten finnische Künstler einen festen Platz in meinem Herzen. Das führte aber auch dazu, dass ich mit dem Ende meiner Schulzeit 2011 in eine Art „musikalisches Vakuum“ plumpste, da viele der Bands, mit denen ich aufgewachsen war, sich auflösten oder still und heimlich in die Inaktivität verschwanden. Da ich im Studium auch nicht die grandioseste Socialiserin war, blieb mir ein Umfeld verwehrt, das meinen Musikgeschmack teilte und so kamen auch keine Neuempfehlungen dazu und ich lebte mit so etwa vier bis fünf Bands, die alle Jubeljahre mal ein Album herausbrachten. Bis die Pandemie uns allen in den Hintern trat und der internationale Ausnahmezustand sechs junge Finnen auf die Idee brachte, am Eurovision Song Contest teilzunehmen. Als ich das erste Mal Dark Side von Blind Channel hörte, saß ich feixend vor meinem PC und dachte mir: „Süß. Linkin Park von Wish.“

Linkin Park von Wish rockten sich auf den 6. Platz beim ESC und auf den 1. in meinem Herzen, denn ihre Performance beim ESC überzeugte mich so dermaßen, dass ich danach das gesamte Internet umpflügte, um quasi jedes Bisschen Blind Channel aufzutun, das ich irgendwo finden konnte. Während ich zum ersten Mal Died Enough For You hörte, saß ich dann weinend vor meinem Laptop, weil es sich anfühlte, als hätte ich irgendeinen verloren geglaubten Teil von mir wiederbekommen. Weil vor allem dieser Song eine Gefühlslawine in mir lostrat, ohne die ich heute nicht diesen Text hier schreiben würde, ist Album Nummer 2 Violent Pop von Blind Channel. Denn während wochenlang bei mir zu Hause wortwörtlich NICHTS anderes mehr lief als diese Band, kaufte ich mir Tickets für mehrere Shows der Hypa Hypa Tour von Electric Callboy, um meine neue Obsession dort als Support sehen zu können – was letzten Endes mein Türöffner war zu hunderten weiteren Künstler*innen, die viel zu lange unter meinem Radar geflogen waren, die ich nun auf Konzerten und durch Features nach und nach entdeckte. Dabei legte ich außerdem das verschüttete alte Hobby „Konzertfotografie“ frei und damit schließt sich der Kreis, was Violent Pop mit diesem Text hier zu tun hat, denn ohne Blind Channel hätte ich mich vermutlich nicht bis in die Fotogräben Europas durchgeschlagen und wäre nicht hier bei Nordmensch-in-Concerts gelandet.

(Aber hey, was für ein „wundervoller“ Zufall, dass auch diese finnische Band mittlerweile mehr oder weniger in die Inaktivität verschwunden ist. In der Zwischenzeit sind dafür einige Karteileichen aus meiner Jugend wieder aktiv geworden.)

Ich erwähnte im letzten Absatz Bands, die irgendwie noch da waren und alle Jubeljahre mal ein Album herausbrachten. Eine dieser Bands ist Eluveitie, die ich so etwa 2008 rum von einem Freund empfohlen bekam, der meine Schwäche für Folk Metal wahrgenommen hatte. Folgerichtig müsste jetzt in diesem Text eigentlich Slania oder Spirit stehen, die mich mein Leben lang begleitet und dafür gesorgt haben, dass ich mir eine Tin Whistle gekauft habe, weil ich unbedingt Eluveitie-Songs spielen können wollte. Die beiden sind aber nur honorable Mentions, und mit der Tin Whistle hat es nie geklappt. Stattdessen steht hier ein Album, mit dem ich totale Startschwierigkeiten hatte, das jetzt aber mein Lieblingsalbum von Eluveitie ist: Ategnatos war das zweite Studioalbum, das nach dem Ausstieg von Anna Murphy, Ivo Henzi und Merlin Sutter erschien, und ich war am Anfang absolut gar nicht glücklich – nicht zuletzt weil ich mit der Stimmfarbe von Fabienne Erni erstmal einfach nicht warm wurde. Hier schließt sich wieder einmal ein Kreis, denn daran, dass sich das änderte, sind Blind Channel nicht ganz unschuldig. 2022, als sich die Einschränkungen der Pandemie langsam lockerten, verschlug es mich für den Sommer nach Finnland und dort erstmals zum TUSKA, auf dem neben Blind Channel auch Eluveitie spielten. Obwohl ich zuerst ein bisschen skeptisch war, hibbelte ich mit kindlicher Vorfreude in der Front Row herum. Aus der Show nahm ich ein paar Dinge mit: Einen leichten Tinnitus, Gehörschutzohrenstöpsel, Gitarrenplektren von Jonas Wolf und Rafael Fella und endlos viel Liebe für Fabienne Erni, die ich seitdem bis aufs Blut gegen jeden verteidige, weil diese Frau einfach der absolute Wahnsinn ist. In der Folge gab ich Ategnatos eine neue Chance und ich weiß wirklich nicht, warum es so lange gedauert hat, aber mittlerweile ist das Album mein absolutes Lieblingsalbum von Eluveitie und Deathwalker, Slumber und Worship haben es in meine Entspannungs- und Anti-Angst-Playlists geschafft. Grund dafür sind die wirklich verdammt ikonischen Drehleierparts von Michalina Malisz, welche mir beim Runterkommen helfen, wann immer mich Angst und Nervosität überwältigen. Michalinas Ausstieg bei Eluveitie hat mir zum zweiten Mal mein Herz nachhaltig gebrochen. Glücklicherweise gibt’s ihr eigenes Projekt Lyrre, außerdem jede Menge Drehleier-Playthroughs und nachdem ich 2025 einen Drehleier-Anfängerkurs belegt habe, kann ich einige der Drehleierparts des Albums jetzt zur Beruhigung zu Hause selbst spielen.

 

Weil es so eine Freude ist, hier kunstvolle Bögen zu schlagen, bleibe ich noch eben beim TUSKA 2022, bei Eluveitie und bei Blind Channel, und deren Schnittmenge, die erst kürzlich ein Album rausgebracht hat, das ich ziemlich schnell in mein Herz geschlossen habe. Nur um wenigstens eine wirklich aktuelle Platte zu erwähnen.
2022 hatte ich bei Eluveitie auf dem TUSKA wie bereits erwähnt einen Front Row Spot. Ich gab ihn im Anschluss auf, um mir Northern Kings auf einer anderen Bühne anzusehen. Nach deren Performance pilgerte ich zurück zur Main Stage für ein bisschen Marktforschung: Lost Society, eine finnische Band, die in ihren frühen Jahren Thrash Metal mit streitbar geistreichen Songtiteln wie Emos are gay spielte, würden im Herbst mit Blind Channel auf Europatour gehen und ich wollte einen Blick auf die Band werfen, die ich im Herbst immerhin drei Mal als Support sehen würde und die unter einigen vorwiegend finnischen Blind Channel Fans extrem gehypet war. Ich blieb weiter hinten in der vorderen Absperrung stehen, postete ein Video vom Circle Pit mit einem wenig geistreichen Kommentar in meiner Instagramstory und checkte nach etwa dreißig Minuten meine Uhr, um herauszufinden, wie lange das Set noch gehen würde. Überzeugt war ich nicht.

Fast forward Herbst 2022: Drei Supportshows für Blind Channel und ihr damals neues Album If The Sky Came Down später hatte mich das Lost Society Fieber gepackt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Finnen sich immer weiter vom einstigen Thrash Metal wegentwickelt haben in ich-weiß-nicht-genau-welche-Richtung-aber-ich-mag-sie. Während besagte Platte einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat, dass ich meine Liebe für diese Band doch noch entdeckt habe, möchte ich aber viel lieber ihr dieses Jahr im März erschienenes Album Hell Is A State Of Mind hervorheben. Ich habe es bei Erscheinen zurecht als mein „meist erwartetes Album des Jahres“ bezeichnet, denn bereits Ende 2024 hatte Samy Elbanna auf den Socials der Band angekündigt, dass das kommende Jahr Großes mit sich bringen würde, nur um dann in 2025 ganz frech nur eine einzige Single rauszubringen und ein paar Festivalshows zu spielen und uns auf 2026 zu vertrösten. Hell Is A State Of Mind war die Wartezeit aber mehr als wert und während ich mir gelegentlich ein bisschen die Augen zu Is This What You Wanted ausweine, wird es vermutlich schwer, Kill The Light als Song dieses Jahr noch zu toppen. Lost Society sind für mich nicht nur eine vollkommen unterbewertete Band, sie sind für mich persönlich auch der Inbegriff für „So kann man sich täuschen“. Wer weiß, vielleicht wäre der Funke schon früher übergesprungen, hätte ich meinen Front Row Platz beim TUSKA 2022 nicht geräumt und hätte schon früher einen genaueren Blick auf die Gitarrenfertigkeiten von Samy Elbanna und Arttu Lesonen werfen können.

(Übrigens, als kleiner, den Kreis schließender Funfact am Rande: Eluveitie-Gitarrist Jonas Wolf ist Lost Society Fan.)

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